Auslandssemester in Groningen

Vanessa Hoffmann

Nessa, du bist seit kurzem Theologiestudentin in Groningen in den Niederlanden.
Wie ist es dazu gekommen?

Es klingt vielleicht etwas kitschig, aber für manche Lebenssituationen, wie auch für meinen derzeitigen Aufenthalt in Groningen, kann ich meinen Taufspruch als Überschrift nutzen:

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, …“

Ehrlich gesagt, hatte ich ein Auslandssemester für die Zeit meines Studiums ausgeschlossen. Vor dem Studium habe ich ein FSJ absolviert und war danach noch für einige Monate in Irland. Nach diesen zwei Jahren „Pause“ nach dem Abitur, wollte ich mein Studium nicht durch ein ERASMUS-Semester unnötig in die Länge ziehen und kein Semester „verlieren“, denn ERASMUS-Semester sind Semester, in denen man ein fremdes Land kennen und eine neue Sprache sprechen lernt, aber mit Sicherheit keine Scheine und Punkte für sein Studium daheim sammelt. – So dachte ich jedenfalls.

„... aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“

Vor einem Jahr erfuhr ich dann aber, dass in der Regel alle Scheine anerkannt werden müssen und ich somit in dieser Hinsicht kein Semester verlieren würde. Durch ein Gespräch mit Frau de Vos, die selber einige Jahre in Groningen gelebt und dort promoviert hat, wurde ich auf diese Hansestadt aufmerksam. Zufälligerweise ist die Rijksuniversiteit Groningen eine Partneruniversität der Universität Marburg, an der ich die ersten acht Semester studiert habe. Der grundsätzliche Wunsch wieder weiter im Norden zu wohnen, die Begeisterung für die niederländische Sprache (wahrscheinlich weil sie dem Plattdeutschen sehr ähnelt), und ein „gutes Bauchgefühl“ brachten mich letztendlich dazu, mich an meinem Fachbereich für ein Auslandssemester in den Niederlanden zu bewerben.


Hauptgebäude der Rijksuniversiteit Groningen


Eine nicht ganz nebensächliche Frage: Wie ist das zu bezahlen? Ausland ist immer teurer, oft gibt es auch Studiengebühren.

Die Finanzierung ist ein wichtiger Punkt.
In der Regel muss im Rahmen eines ERASMUS-Semesters der generelle Semesterbeitrag an der Heimatuniversität gezahlt werden, es fallen allerdings keine Gebühren (Semesterbeitrag, Studiengebühren, etc.) an der Universität im Ausland an.

Die Kosten im Ausland variieren, je nach dem in welches Land man möchte. In Groningen muss ich höhere Lebenshaltungskosten zahlen, als ich sie in Marburg gewöhnt war. Nahrungsmittel sind zwar nur minimal teurer, Getränke und Speisen in Restaurants und Kneipen kosten jedoch oft um einiges mehr und auch die Mieten sind sehr hoch (vergleichbar mit Hamburg).

Durch das ERASMUS-Programm bekommt man einen Mobilitätszuschuss. Der letztendlich ausgezahlte Betrag ist jedoch davon abhängig, wie viele Mittel jede Universität vom Land ausgezahlt und zur Verfügung gestellt bekommt. So erhalte ich beispielsweise für die 5 Monate, die ich in Groningen studiere, „nur“ für vier Monate den Mobilitätszuschuss ausgezahlt. Den Zuschuss muss man nicht, wie etwa das BAFÖG, zurückzahlen, allerdings müssen 30 ECTS-Punkte pro Semester gesammelt werden und man erhält in zwei Raten, zum Beginn und zum Ende des Auslandssemesters. Somit steht einem nicht der gesamte Betrag für das Semester zur Verfügung, was man zuvor berücksichtigen und einkalkulieren sollte. Zusätzlich kann Auslandsbafög beantragt werden. Dieser Betrag sollte höher ausfallen, als der Betrag für „normale“ Semester an deutschen Unis.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass man ein gewisses „Eigenkapital“ für ein Auslandssemester einplanen sollte. Ich bin auf das Bafög angewiesen und da ich dieses bisher nicht ausgezahlt bekommen habe, muss ich auf mein Gespartes zurückgreifen. Ich habe in Marburg an der Uni gearbeitet und konnte mir so in den letzten Semestern etwas zurücklegen.


Innenansicht


Wie ist es an der theologischen Fakultät im Vergleich zu Deutschland?

Die Ausbildung der Pastorinnen und Pastoren ist in den Niederlanden anders als in Deutschland organisiert. In der Faculteit Godgeleerdheid en Godsdienstwetenschap (GGW) der Rijksuniversiteit Groningen können angehende Pastoren und Pastorinnen einen Bachelor in Theologie abschließen. Danach wechseln sie an die Protestantische Theologische Universität, um dort einen Master zu machen.

Ich studiere an der Rijskuniversiteit und belege einen Bachelorkurs und vier Masterkurse (Hinduism in Context, The Invention of the Secular, Global Dynamics and Local Religious Systems, Fundamentalism and Religious Violence, Migration, Culture and Identity). Jeder Kurs ist für sich sehr intensiv und der Arbeitsaufwand ist sehr hoch. Gute Englischkenntnisse sind definitiv von Nöten!
Wie ich es aus Deutschland kenne, ist die Theologische Fakultät hier in den Niederlanden nicht die größte Fakultät der Universität und dadurch sehr familiär. Da hier acht Studiengänge angeboten werden, ist die Studierendenschaft jedoch etwas bunter als an der Theologischen Fakultät in Marburg beispielsweise.
Es ist sehr bereichernd mit KommilitonInnen zu studieren, die aus der ganzen Welt kommen, die unterschiedlichsten Hintergründe und vielfältige Berufswünsche haben.
Was für mich zu Beginn sehr befremdlich war, war die Tatsache, dass Lehrende und Mitarbeitende der Fakultät mit den Studierenden per du sind. Allerdings habe ich mich aber sehr schnell an diese Lockerheit gewöhnt!


In welcher Sprache läuft der Unterricht?
Muss man da in kurzer Zeit Niederländisch können???

An der GGW gibt es Bachelor- und Masterstudiengänge. Fünf der sechs Masterstudiengänge werden zu 100% und einige Kurse der Bacherlorstudiengänge in Englisch unterrichtet, so dass ich Niederländisch während meiner Zeit in Groningen lernen kann und es ausgereicht hat, dass ich mir in Marburg nur einen Grundwortschatz angeeignet habe.
Im Großen und Ganzen kommt man mit Englisch aber in allen Lebenslagen gut zu Recht.


Seminarraum


Hast du auch etwas vom kirchlichen Leben dort mitbekommen?

Leider noch nicht. Da an meinen Kursen keine Studierenden teilnehmen, die als Ziel den Beruf „Pastor/Pastorin“ verfolgen, habe ich die Universitätsgemeinde noch nicht kennengelernt. Durch den hohen Arbeitsaufwand im universitären Alltag, die vielen Aktivitäten mit KommilitonInnen in und außerhalb der Universität und durch ein neues Lebensumfeld, dass auch erst einmal entdeckt und ergründet werden möchte, fehlte mir bisher dafür die Zeit. Doch im zweiten Abschnitt meines ERASMUS-Semesters, das in die Adventszeit fällt, möchte ich mehr vom niederländischen kirchlichen Leben kennenlernen.
Was ich hier bisher aber sehr schätze ist, dass ich, da meine KommilitonInnen wie gesagt aus aller Welt kommen, andere Religionen, wie etwa den Hinduismus, ganz nebenbei in der Mensa oder bei Kaffeepausen kennenlerne.


Groningen liegt 50 Kilometer hinter der deutschen Grenze – ist das Leben da wirklich so anders? Lohnt sich ein Auslandsaufenthalt in so großer Nähe zu Deutschland?

Ich habe es nicht erwartet, aber ja, Groningen und die Niederlande sind in vielen Dingen ganz anders als Deutschland. Ich habe Groningen gewählt, gerade weil es so dicht an Deutschland und dichter an meiner Heimatstadt als Marburg liegt. Und doch, obwohl man von Groningen bis zur deutschen Grenze nicht einmal eine Stunde braucht, (er)lebe ich ein anderes Lebensgefühl in einer für mich bisher nicht bekannten Kultur.
So ist zum Beispiel Niederländisch auch mit guten Plattdeutschkenntnissen eine Sprache, die man zu Beginn in der Regel nicht komplett versteht. Jede Fahrradfahrt ist ein Abenteuer, sofern man denn nicht aus Münster kommt und auch die wenigen typisch-niederländischen Gerichte sind zum Teil gewöhnungsbedürftig, aber wirklich lecker. Natürlich bekommt man in der Regel aber alle Lebensmittel, die man aus Deutschland gewöhnt ist, nur Brot bringe ich von zu Hause mit oder backe es selber ;-)


Kannst du Groningen als Studienort empfehlen?

Auf jeden Fall- mit drei Ausrufezeichen!!! Ich wurde an der Fakultät herzlich aufgenommen. Lehrende, Mitarbeitende der Fakultät und meine KommilitonInnen standen mir von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite. Die Studierendenschaft der GGW, vor allem durch die Internationalität der Studierenden, ist einmalig. Das Niveau der Lehre an der Rijksuniversiteit ist sehr hoch, was nicht nur an den sehr gut ausgestatteten Räumen, Bibliotheken und den Qualifikationen der Lehrenden auffällt. Studierende werden hier stark gefordert, aber eben auch stark gefördert. Und auch Groningen ist als Stadt mit dem Charme einer alten Hansestadt, mit wunderschönen Gebäuden mit vielen, großen Fenster, der Lebendigkeit ihrer EinwohnerInnen, und der atemberaubenden Anzahl von FahrradfahrerInnen einen Aufenthalt wert.

Das Fakultätsgebäude