Orientierungswoche - Rollenbilder kennenlernen

Dennis Koch

„Vorgeflüster“

„Vorgeflüster“ – das ist wohl das Wort, was die Gespräche über die nahende Orientierungswoche unter meinen KommilitonInnen am besten beschreibt. Nach bestandener Zwischenprüfung und den ersten Schritten im Hauptstudium ging unser, also auch mein Blick so langsam in Richtung des bald anstehenden Gemeindepraktikums im Sommer 2014. Vorher aber galt meine Aufmerksamkeit der Orientierungswoche, die im März stattfindet. Doch anders als beim Gemeindepraktikum hatte keiner von uns so wirklich eine Vorstellung davon, was uns dort erwarten würde. Welche Art der Orientierung sollte in dieser einen Woche am Predigerseminar in Ratzeburg stattfinden? Sollte diese Woche dazu da sein, die Menschen, die uns später im Vikariat begleiten werden, kennenzulernen? Sollten wir Studierenden uns dort untereinander kennenlernen? Wollte die Kirche bei dieser Gelegenheit ihren Nachwuchs „unter die Lupe nehmen“? Es gab wirklich jede Menge Fragen. Vor allem die letztere Funktion der Orientierungswoche ging als gut gehandeltes Gerücht um. Als ich nun den Ablaufplan für die OE in den Händen hielt, erhielten viele Fragen eine Antwort: es sollte um „Rollenanalysen“ und „persönliche Orientierung“ aber auch um inhaltliche Informationen gehen. Was würde ich mitnehmen können? Ich ließ mich überraschen…


Ankommen

Und so machten wir uns Ende März auf den Weg. Gemeinsam mit ein paar meiner KommilitonInnen fuhr ich mit dem Bus nach Ratzeburg und hatte so schon auf dem Weg die Möglichkeit, in gute Gespräche zum Studium, zu uns selbst oder dem, was uns wohl erwarten würde, zu kommen. Auf der Dominsel angekommen, machten wir uns mit Sack und Pack auf den Weg zum Predigerseminar. Da ich bis dahin noch nie im Predigerseminar gewesen war, überraschten mich die Lage (umgeben von Seen) und der nostalgische Flair (Kloster und Dom) positiv. Nachdem wir mit Kaffee und Kuchen empfangen worden waren, ging es auch schon los. Helga Kamm, die Studienleiterin, begrüßte uns in einer großen Runde von 28 Studierenden aus allen Ecken der Nordkirche. Viele Gesichter kannte ich bereits vom Studierendenkonvent.

Blick auf den Ratzeburger Dom


Rollenbilder treffen

Die Woche war straff, aber abwechslungsreich geplant. Neben einem festen Tagesrhythmus von Morgen-/Mittags- und Abendandacht waren für vormittags Gruppenarbeiten und für nachmittags Vorträge bzw. Gespräche mit informellem Charakter vorgesehen. Alles stand dabei unter dem großen Thema „Rolle des Pastors/ der Pastorin“.
Dem ging nun erst einmal die Selbstbeschäftigung mit den eigenen Rollenerwartungen voraus: „Wo sehe ich Bereiche in meinem Leben, die mich auf meinem Weg in den Beruf des Pastors beeinflussen?“. Dieser spannenden Selbstbeschäftigung folgte die Gestaltung eines Plakates, auf dem ich die Möglichkeit hatte, meine „Rolle“ grafisch darzustellen. Hierüber sollte dann auch ein Austausch stattfinden. Dazu wurden für die kommenden vier Vormittage feste Gruppen gebildet. An jedem Vormittag sollten zwei Personen aus der Gruppe sich und ihr „Rollenbild“ darstellen. Die intensive Beschäftigung mit dem Rollenbild sollte dabei dem Modus eines „Balint“-Gruppengespräches folgen. Begleitet wurden die Gruppengespräche von Tag zu Tag wechselnd durch vier Supervisoren, darunter Helga Kamm. Es ging vor allem darum, an der Auseinandersetzung des Anderen teilzuhaben und wertschätzend darüber ins Gespräch zu kommen: Welchen Rollenbildern begegne ich hier? Hieraus entstanden wirklich spannende Gespräche und Einblicke in das Rollenverständnis anderer. Eine wichtige Regel war dabei, dass alles, was in der Runde gesagt wurde, nicht nach außen getragen werden durfte. An diesen drei Vormittagen entwickelte sich eine intensive Gruppendynamik, die uns alle näher aneinander brachte.


Das „Pfarrerbild“

Eine Abwechslung zu den intensiven Gruppeneinheiten boten die Einheiten am Nachmittag. Vor allem der Vortrag von Professor Klie, einem praktischen Theologen aus Rostock, blieb mir noch eine Weile in den Gedanken. Das „Pfarrerbild im Wandel“ als Blick auf eine Momentaufnahme der Selbstwahrnehmung von Pastoren unserer Nordkirche ließ einen Blick in die Zukunft zu. Wie werden wir vielleicht einmal unsere Rolle als Pastoren/ Pastorinnen sehen? Bestätigen sich Befürchtungen, die ich im Blick auf den Beruf bereits jetzt in mir trage?
Am letzten Nachmittag gab es dann die Möglichkeit, direkt mit Pastoren, einer Pastorin zur Anstellung (in Probezeit) und Vikarinnen ins Gespräch zu kommen. Für mich war dabei vor allem interessant, wie Berufsanfänger – so kurz nach dem Studium – auf ihren Beruf schauen. Hier entwickelten sich sehr lebendige Diskussionen.
Abends aber auch tagsüber zwischendurch war viel Zeit für Gespräche mit Kommilitonen und Supervisoren. Im Verlauf der Woche entwickelte sich so etwas wie ein „Klassenfahrtgefühl“.


Ein Blick über den Tellerrand im Gepäck

Letztendlich blicke ich auf eine intensive Woche zurück. Die besondere Intensität ging dabei vor allem von der hohen Selbstreflexion und der starken Konfrontation mit dem zukünftigen Berufsbild aus. Viele Fragen, die ich zuvor hatte, stellten sich im Laufe der Woche überhaupt nicht mehr, andere wurden beantwortet. Während der Heimfahrt schaute ich noch einmal zufällig auf die Einladung zur OE-Woche und fand ein paar zutreffende Worte: „Bei der Orientierungswoche geht es um die Schnittstelle zwischen universitärer Ausbildung und zukünftiger Berufsrolle“. Ja, ich habe wirklich etwas mitgenommen: den Blick über den Tellerrand des Studiums und die Vorfreude auf einen tollen Beruf.