Anne Mareike Müller

Anne Mareike Müller

Auslandsvikariat in Brüssel

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Auslandsvikariat in Brüssel

Nach 10jähriger theologischer Ausbildung – 7 Jahre Studium in Hamburg und Berlin, 1 Semester Praktikum in Brasilien, 2 ½ Jahre Vikariat – endlich die Ordination. Endlich als Pastorin verantwortlich sein für eine Gemeinde! So, dachte ich, würde mein Weg nach dem 2. Theologischen Examen aussehen. Darauf hatte ich hin gearbeitet. Das war mein Plan. Doch da flatterte kurz vor dem 2. Theologischen Examen eine Stellenausschreibung in mein E-Mail-Postfach: „Sonder- bzw. Spezialvikariat für Theologen nach der zweiten Ausbildungsphase“. Meine Neugier war geweckt und der E-Mail-Anhang geöffnet:

„Brüssel, einjährige Zusatzausbildung, politische Aktivitäten der Europäischen Union von kirchlichem Interesse, Dialog mit EU-Institutionen, ökumenische Partner, Monitoring von Gesetzgebungsverfahren, Newsletterartikel, Referententätigkeiten, eigenständige Bearbeitung, interkultureller und interreligiöser Dialog, ethische und theologische Grundsatzfragen, Menschenrechte, Asyl- und Migrationspolitik, Staatskirchenrecht, pastorale Aufgaben im ökumenisch-europäischem Projekt der Chapel for Europe, Kommunikationsfähigkeit, Teamgeist, Fremdsprache…“

Solcherlei Schlagworte schürten mein Interesse. Und meine Bewerbung ging auf den Weg nach Brüssel (Ausschreibung für Praktikumsplätze und für das Sondervikariat in der EKD-Dienststelle des Bevollmächtigten in Brüssel).

Vor dem Eingang zum EKD-Büro in Brüssel.

Christ_in-Sein in der Welt

Nach diesem langen Weg also nun noch Brüssel… Wozu das? Ein Satz und Titel eines Buches von Dorothee Sölle aus dem Jahr 1992 gibt Antwort auf diese Frage. Er trifft gut, was mich als Jugendliche in die kirchliche Jugendarbeit, als Abiturientin ins Theologiestudium, als Theologin ins Vikariat und weiter ins Sondervikariat hierher nach Brüssel getrieben hat: „Es muss doch mehr als alles geben!“. Noch einmal die (kirchliche) Welt und die Arbeit in einer Gemeinde von einem ganz anderen Blickwinkel aus wahrnehmen und kennen lernen. Sich als Theologin in einem ganz säkularen Arbeitsfeld erproben. Hautnah erleben, inwiefern kirchliche beziehungsweise christliche Positionen politische Prozesse beeinflussen können und inwieweit mein theologisches Denken und Arbeiten andersherum davon beeinflusst werden. Ökumenischen Zusammenhalt in einem säkularen Umfeld erleben. Eben Christin und Theologin mitten in der Welt sein. Das habe ich mir von diesem Jahr als sog. Sondervikarin in Brüssel erhofft. Und je länger ich in Brüssel bin, um als Christin und Theologin in der europäischen Welt für die EKD Politik mitzugestalten, desto mehr erfüllt sich diese Hoffnung.

Ich an meinem Schreibtisch des EKD-Büros in Brüssel.

„Ja, aber, was machst du denn da eigentlich..?“

Diese Frage wurde mir oft gestellt, seit ich am 1. Februar 2014 als Sondervikarin in Brüssel bei der "Dienststelle des Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union" angefangen habe. Tja, bei diesem Endlos-Titel meines Arbeitsplatzes kann ich das durchaus nachvollziehen. Im Großen und Ganzen vertritt der oder die Bevollmächtigte der EKD als Kirchendiplomat_in die Interessen der EKD auf Regierungsebene bei der Bundesrepublik und bei der Europäischen Union. Das EKD- Büro in Brüssel wurde 1990 ursprünglich als sogenanntes Frühwarnsystem eröffnet: Es geht darum, Gesetzgebungsaktivitäten zu beobachten, die das in Deutschland durch das Grundgesetz geschützte Selbstbestimmungsrecht der Kirchen tangieren. Auf diese Weise kann die EKD eingreifen, wo dies geschieht. Deshalb wird das Brüsseler Büro auch von einer Juristin, Oberkirchenrätin Katrin Hatzinger, geleitet und liegt nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, in theologischer Hand. Im Laufe der Jahre hat das Büro seinen Arbeitsbereich allerdings erheblich erweitert und mischt sich mit seiner christlichen Stimme in politischen Prozesse und Gesetzgebungsverfahren ein, die für Protestanten von Bedeutung sind. Zu nennen sind da beispielsweise die europäische Asyl- und Migrationspolitik, Menschenrechtsfragen, Regelungen für Sonn- und Feiertagsarbeit, europäische Programme zur Bekämpfung von Armut und Jugendarbeitslosigkeit. Dabei arbeitet des Brüsseler Büro eng zusammen mit anderen christlichen und nicht-christlichen Organisationen wie auch NGO’s. Gemeinsam machen sie, kurz gesagt, christliche bzw. humanistische Lobbyarbeit. D.h. sie betreiben Lobbying für Menschen, die selbst häufig keine Lobby haben: Arme, Migranten, Flüchtlinge, Kinder, Jugendliche, etc.

Und auf einmal war ich Theological Advisor

Nun bin ich als Theologin mit zwei Theologischen Examina dort mittendrin und steuere an der einen oder anderen Stelle theologische Positionen bei. Ich schreibe Artikel für den Newsletter unseres Büros oder Zusammenfassungen von aktuell in der EU diskutierten Themen für den EKD-internen Gebrauch. Dafür nehme ich beispielsweise an Anhörungen, Präsentationen, Konferenzen, Roundtables oder Podiumsdiskussionen im Europäischen Parlament (EP) oder anderen Institutionen teil. Und ich verfolge die aktuelle Presse und Veröffentlichungen der EU. Außerdem gestalte ich Andachten für die Mitarbeitenden der deutschen EP-Abgeordneten , für unser Büro und auch für das internationale Netzwerk christlicher NGO’s und Organisationen, mit denen wir zusammen arbeiten.

Mein Schreibtisch

Eine Kapelle für Europa – spiritueller Ort inmitten der Politik der Glaskästen

Insbesondere gefordert ist dies in der Chapelle de la Résurrection, der Chapel for Europe, bei der ich ebenfalls das EKD-Büro vertrete. Die Kapelle in der Rue Van Maerlantstraat liegt zwischen gigantischen EU-Gebäuden und will den Mitarbeitenden der EU-Institutionen eine spirituelle Anlaufstelle und einen Ort der Ruhe und Besinnung bieten. Als evangelische Theologin bringe ich dort die protestantische Stimme ein und gestalte beispielsweise das tägliche Morgengebet und das donnerstägliche Mittagsgebet mit anschließenden gemeinsamen Mittagessen mit. Zusammen mit zwei Jesuiten, einem Doktoranden der Philosophie aus der Anglikanischen Kirche und einer amerikanischen Lutheranerin arbeiten wir gerade an einem Programm, das sich speziell an die Berufsanfänger der EU-Institutionen richtet. Wir planen Movienights, Biblical-Poetry-Slams, Jazzcafés, spirituelle (Rad-)Wandertouren, Gebetsabende nach Ignatianischer Tradition und Vieles mehr zu organisieren. Das heißt auch, dass ich plötzlich auf Englisch und teilweise auf Französisch liturgisch gefragt bin. Das ist ungewohnt und erlaubt mir, mich und meine Spiritualität sowie meine Theologie ganz neu zu entdecken. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.

Das Europäische Parlament in Brüssel.

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