Neue Horizonte

Torben Stamer

Mehr über Gott zu wissen – das ist der Grund, warum ich das Theologiestudium begann. Zuerst in Hamburg, dann in Zürich und nun in Heidelberg. Ob ich tatsächlich Pastor werde, damals auch ein Beweggrund für dieses Studium? Keine Ahnung. Zum Glück muss jetzt noch nichts entschieden werden, ich komme ja erst ins neunte Semester.

Auf zur Bewerbung

Nach meinem vierten Semester kam eine wissenschaftliche Mitarbeiterin auf mich zu. Sie fragte, ob ich mich für ein Stipendium bewerben möchte. Stipendium? Begabtenförderung? Das sei nichts für mich, dachte ich. Beworben habe ich trotzdem, und zwar beim Evangelischen Studienwerk Villigst, eines der vom Staat geförderten Stipendienwerke. Die beiden Gutachten für die Bewerbung hatte ich schnell zusammen. Eines von einem Professor, eines von einer Pastorin. Dann bekam ich die Einladung zum Bewerbungsgespräch und bin nach Oldenburg gefahren, um mich vorzustellen. Es folgte eine zweite Einladung, nun nach Villigst, für zwei Tage Assessmentcenter. “Wie würden Sie einen Jugendgruppenraum inklusiv einrichten?“, wurde ich gefragt. Da dachte ich: „Das war’s…“. Einen Monat später fand ich einen dünnen Brief im Briefkasten: die Zusage! Die Mischung aus guten Noten, ehrenamtlichen Engagement und persönlichem Profil macht es aus.

Finanziell unabhängig

Seitdem brauche ich neue Bücherregale. 150 Euro (ab September 2013: 300 Euro) monatliches Büchergeld, unabhängig vom Einkommen der Eltern, machen es möglich, sich wirklich fast alle Fachliteratur zu kaufen, die man so braucht. Ich bin für zwei Semester in die teure Schweiz nach Zürich gegangen. Dort konnte ich noch die letzten Veranstaltungen von Ingolf U. Dalferth, einem bekannten systematischen Theologen, besuchen. Jetzt plane ich einen Sprachaufenthalt, eine Summerschool im Sommer, ein Auslandspraktikum. Alles kein Problem, denn ich muss mir keine Sorgen um die Finanzierung machen. Stattdessen kann ich mich ganz auf mein Studium, meine Freunde und mein Ehrenamt konzentrieren.

Während der Sommeruni

Ideelle Förderung

Seit ich in Villigst bin, lerne ich noch mehr interessante Menschen kennen. In den Konventen am Studienort zum Beispiel, wo sich Stipendiat_innen aus allen Studienfächern treffen. Zuletzt haben wir uns den Film über Hannah Arendt angesehen. Danach wurde interdisziplinär gestritten – über die Bedeutung von extrem und radikal. Oder in Villigst direkt, bei der Frühjahrsakademie, einem fünftägigen Seminar. Oder im Gespräch mit Altvilligster_innen, die Tipps für den Einstieg in den Beruf geben. Dieses Jahr möchte ich unbedingt zur Sommeruniversität: Vier Wochen lang werden dort Seminare zu einem Thema (dieses Jahr: ‚Das Sichtbare und das Unsichtbare‘), interdisziplinär bearbeitet. Ich habe mich angemeldet für ein Seminar mit dem Titel ‚Open source‘.

Selber machen

Das Schöne ist, Jahresthema und Seminare werden von uns Stipis festgelegt. Dieses Jahr bin ich dabei, sitze im entsprechenden Ausschuss. Das heißt, ich treffe mich monatlich mit anderen Stipis, wir diskutieren und schreiben viele Flipcharts voll, fragen Dozierende an und laden sie ein, Seminare im Sommer zu veranstalten. Gewählt wurden wir alle von einer Art Parlament, wo alle wichtigen Entscheidungen basisdemokratisch getroffen werden. Man kann hier gemeinsam viel erreichen.

Villigst Delegiertenkonferenz

Horizonte

Man kann, man muss aber nicht. Vieles in Villigst beruht auf dem Prinzip Freiheit – und Verantwortung. Das schätze ich. Auch, dass es nicht nur Geld gibt, sondern dass man auch mit Themen und Menschen in Kontakt kommt, die einen immer wieder herausfordern. Mein Horizont, sowohl privat als auch studiumbezogen, hat sich dadurch auf jeden Fall geweitet.