Das Gemeindepraktikum

Albrecht Wienß

Was stellt man sich unter einem Praktikum vor?

Jeder hat vielleicht schon in der Schule das ein oder andere Praktikum absolviert und hat dabei einen typischen Büroalltag vor Augen. Das Gemeindepraktikum in der Nordkirche lässt sich nur schwer in dieses Bild hinein pressen. Vieles ist völlig anders.
Ich hatte bisher zum Beispiel noch nie in meinem “Praktikumsbetrieb” gewohnt und hatte mit meinen AnleiterInnen und KollegInnen außerhalb der Dienstzeiten nur wenig bis gar nichts zu tun. Im Gemeindepraktikum dagegen bin ich in eine fremde Welt vollkommen eingetaucht und in vier ereignisreichen Wochen selbst zu einem Teil davon geworden.

Welche Gemeinde wird es?

Ich bin in Rostock aufgewachsen und habe als Student seitdem nur in Städten gewohnt. So konnte ich die kirchliche Arbeit bisher nur im städtischen Kontext kennen lernen. Darum wollte ich auf jeden Fall aufs “platte Land”. Dazu füllte ich einen “Wunschzettel” aus, den die Landeskirche jeder/m PraktikumsanwärterIn zukommen ließ.
So war bei den Einführungstagen in Ratzeburg die Verteilung der Praktikumsstellen nicht mehr ganz so dramatisch, wie dies bisher der Fall gewesen ist. Für jede/n stand schon vor Beginn fest, wo er oder sie unterkommen wird.

Hier liegt meine Praktikumsgemeinde

Vorbereitung in Ratzeburg

Beim Vorbereitungsseminar wurden uns wichtige Informationen für den anstehenden Praktikumsmonat vermittelt und wir Studierende konnten darüber hinaus in verschiedenen Interaktionsformen unsere eigene Meinung beitragen. Besonders spannend war für mich: Zu sehen, wie die Positionen zu kontrovers diskutierten Themen, z.B. Frauen- und Männerrollen im Pfarramt, das Dauerthema Residenzpflicht, soziale Verantwortung der Kirche u.v.m. unter meinen KommilitonInnen verteilt waren.
Ergänzt wurde das Programm durch die viele kleine Einheiten, in denen die bearbeiteten Themen in kleiner Runde und im 4-Augen-Gespräch diskutiert und weiter gedacht werden konnten. Noch interessanter wurde es dann, als die zukünftigen AnleiterInnen am letzten Tag zur Seminargruppe hinzukamen und in die Gespräche mit einbezogen wurden. Dadurch bekam der manchmal theorielastige Ansatz ein Fundament, das in der alltäglichen kirchlichen Praxis verankert ist. So konnte die Lücke zwischen akademischen Studium und pastoraler Lebenswirklichkeit erfrischend verkleinert werden.

Dom, Prediger- und Studienseminar in Ratzeburg

Alltag im Pastorat

Ebendiese pastorale Lebenswirklichkeit reflektiert wahrzunehmen, das war mein Ziel für das Gemeindepraktikum. Ich wollte mich dieser Herausforderung mit all ihren positiven und sicher auch negativen Aspekten einen Monat lang voll aussetzen, um zu sehen, wie ich damit umgehen würde. Deshalb war es für mich wichtig, während des Monats mein Leben komplett am Praktikumsort im Pfarrhaus bei meiner “Gastfamilie” einzurichten und z.B. keine eigene Wohnung zu haben oder regelmäßig heim zu fahren. Mich interessierte nicht nur die Dienstzeit und die offiziellen Tätigkeiten des Pastors, sondern auch das ganze drum-herum.
Wie funktioniert zum Beispiel ein “normales Familienleben” im Pfarrhaus konkret?

Das Pastorat

Manche Fragen, die sich während des Praktikums für mich ergaben, habe ich erwartet. z.B.: Wie wirkt es sich aus, dass Wohnen und Arbeiten räumlich die meiste Zeit eng zusammen fallen? GemeindepastorInnen, insbesondere die auf dem Land, gehen eben nicht morgens ins Büro und kommen abends nach Hause, um ungestört den Feierabend zu genießen.
Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, sich selbst Freiräume zu schaffen, Orte und Zeiten, die einen Abstand von der Arbeit ermöglichen und habe auch gemerkt, dass mir das noch schwer fällt.

Ähnliches gilt auch für den auf dem Lande noch anzutreffenden Fall, dass die ganze Familie automatisch mit ins Pastorat eingebunden ist. In vielen anderen Berufen wäre so etwas heutzutage undenkbar. Im Pastorenberuf erfordert es eine bewusste Entscheidung: Was will ich, was will meine Familie und was wollen wir nicht? Wo ziehen wir klare Grenzen?
Kein Seminar an der Uni kann auf diese Fragen vorbereiten. Deshalb war ich sehr froh, in meinem Praktikum an eine “klassische Pastorenfamilie” geraten zu sein. Hier konnte ich erfahren, wie zwischen den verschiedenen Interessen zufriedenstellend vermittelt werden kann. Zum Beispiel gehörte ein täglich fest eingeplanter und unantastbarer Mittagschlaf zu den grundlegenden Hilfsmitteln für den Alltag, die ich sehr zu schätzen gelernt habe.

Nebenwirkungen des Landlebens

Aber es gab auch Themen, die für mich unerwartet wichtig wurden und die vielleicht jetzt auch den/die eine/n oder andere/n LeserIn überraschen werden:
Im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern ist die Netzinfrastruktur manchmal noch auf einem Niveau, das in den Städten schon seit 10 Jahren der Vergangenheit angehört. Das hat zur Folge, dass alltägliche Annehmlichkeiten, wie die Versorgung mit aktuellen Nachrichten über das Internet, Kommunikation mit Freunden, selbst mobiles Telefonieren ungeahnte Probleme mit sich bringen kann. Da hieß es dann für mich: Aus der Not eine Tugend machen und alternativ das Angebot an wunderschöner Seenlandschaft, endlosen Wäldern und viel frischer Luft in vollen Zügen zu genießen und so viel wie möglich Land und Leute kennen zu lernen.
Was für die Dauer eines Monats noch zu verkraften ist, kann natürlich langfristig eine gewisse Herausforderung darstellen. Aber es bleibt zu hoffen, dass auch hier in Bälde der Fortschritt Einzug halten wird ;)

Die Kirchengemeinde Warin

Die Kirchgemeinde Warin / Bibow / Jesendorf hat ein breites Spektrum an regelmäßigen Angeboten, in die ich Einblick nehmen konnte: Konfi- und Seniorengruppen, Flötengruppe, Bandproben, Andachten im Kindergarten und Altersheim, ein Beerdigungsgespräch und eine Hochzeit.
Mit auf dem Pfarrgelände in Warin befinden sich zwei weitere Einrichtungen. Zur einen Seite das “Haus der Zukunft”, in dem gemeinsam mit der staatlichen Jugendsozialarbeit die Angebote für Kinder und Jugendliche stattfinden und zur anderen Seite die Diakonie-Sozialstation, wo ein ambulanter Pflegedienst eingerichtet ist, der sich um alte und kranke Menschen kümmert. Im Zentrum des Ensembles, wo die Wege zusammen laufen: das Pastorat. Für mich war das ein Bild mit großer Symbolkraft.
Auch zeitlich war mein Praktikumsmonat eingerahmt von zwei überregionalen Veranstaltungen, die Jung und Alt zusammen gebracht haben: Einem Familiengottesdienst in Sternberg gleich am ersten Wochenende und einem Erntedankfestgottesdienst am letzten Wochenende, bevor es auch schon wieder nach Ratzeburg zum Abschlusstreffen ging.
In diesem Gottesdienst konnte ich mit meinem Anleiter eine Dialogpredigt halten, die ich selbst geschrieben und zusammen mit ihm vorbereitet hatte, was für mich - es war meine erste Predigt in dieser Form - zu einer der schönsten Erfahrungen und einen besonderen Höhepunkt zum Abschluss meines Praktikums wurde.

Kirche

Fazit: Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen

Extrem wertvoll, aber hier im Einzelnen unmöglich aufzuzählen, waren für mich auch die vielen kleinen und großen Einblicke in persönlichen Gesprächen. Hier durfte ich hinter die Kulissen des komplexen Systems “Ortsgemeinde” blicken. Dass ich als Außenstehender für einen überschaubaren Zeitraum überall reinschnuppern und alles ohne Leistungsdruck einfach mal ausprobieren konnte, habe ich als eine sehr komfortable und dankbare Situation erlebt, die mir einen riesigen Gestaltungsspielraum bot. Ich konnte mich entsprechend meiner eigenen Möglichkeiten und auch Grenzen daran beteiligen, dass Kirche gelingt. Dies hat das Gemeindepraktikum für mich zu einem großen Gewinn gemacht.