Pastorin in Vorpommern

Nicole Chibici-Revneanu

Pastorin Dr. Nicole Chibici ist Pastorin in Groß Bisdorf, Kirchenkreis Pommern. Hier ihre Antworten auf einige von vielen Fragen, die einem so einfallen können bei einer Begegnung mit ihr:

Konvertiten! Sind das nicht die Schlimmsten?

Definitiv. Und in jeder Beziehung! Manchen reicht es offensichtlich nicht aus, einfach den Katholizismus hinter sich zu lassen und ein sich eine nette neue evangelische Identität aufzubauen. Die müssen dann auch gleich Theologie studieren, Pastorin werden und das dann noch in einem fremden Land…

… sagen wir etwas genauer: im hintersten Winkel eines fremden Landes.

Das ist jetzt aber übertrieben! Vielleicht in einem der eher hinteren Winkel dieses Landes. Gut, es ist etwas dezentral hier in Vorpommern. Die Bevölkerungsdichte ist eher… nicht so dicht. Aber das gleicht sich insofern aus, als man dafür weit gucken kann. Irgendwo am Horizont sieht man meistens auch das nächste Dorf oder wenigstens ein Gehöft.

Beim Gemeindefest mit Tangomusik


Jetzt übertreibst du aber!

Ein kleines bisschen vielleicht. Aber für eine Österreicherin, die bisher ihr Leben lang in größeren Städten gewohnt hat (Graz, Wien, Leipzig), ist es schon gewöhnungsbedürftig. Auch noch nach über zehn Jahren – davon die letzten fünf im Landpfarramt, davor war ich an der Greifswalder Uni.
Ich habe keine Ahnung von Landwirtschaft. Ich habe die DDR nicht live erlebt. Da gibt es immer wieder was zu lernen und was zu entdecken.

Ich glaube, viele Leute mögen das sogar: eine Pastorin, der man viel erzählen kann, das für sie tatsächlich neu ist. Und ich mag das auch: eine neue, ganz eigene Welt entdecken. Spannende Menschen mit völlig anderen Geschichten. Eine Gesellschaft, in der Kirche und Glauben nicht selbstverständlich sind, sondern zum Teil unter Mühen und Entbehrungen bewahrt worden sind. Eine Kirche, die nicht so satt ist, wo man sich immer wieder fragen muss: Was ist jetzt das Wichtige, das, was wirklich zählt? Denn mit allem einfach weitermachen, das geht hier nicht. Nicht mehr. Und wenn man in all dem Abbruch, der hier passiert ist, den Aufbruch entdeckt und den ein bisschen mit-lebt: Das ist schon was Feines.


Und das war so die Motivation?

Du hast dir gedacht: Evangelische Theologie studieren und dann nach Pommern,
das ist der Aufbruch schlechthin?

Ich werde manchmal gefragt, warum ich denn hierhergekommen bin, und meistens sage ich dann: „Die Wege des Herrn sind unergründlich.“ Dass ich Dorfpastorin in Vorpommern geworden bin, das ist mehr oder minder biographisch passiert. Ich bin nicht im Pfarrhaus großgeworden – wie auch, als Katholikin. (Dafür habe ich vor einigen Jahren entdeckt, dass unter meinen rumänischen Vorfahren etliche Pfarrer waren – so viel zur genetischen Disposition!) Ich habe eine Weile gebraucht, um mich zu diesem Studium durchzuringen. Und dann noch eine Weile, um für mich zu klären, ob ich als Theologin an der Uni bleiben möchte oder ins Pfarramt will. Dass dieses Pfarramt in Vorpommern liegt, das hat sich im Gefolge einer Promotionsstelle an der Greifswalder Uni und einer etwas diffizilen Familiensituation einfach so ergeben.

Im Dienst


Und wie ist es nun, als Pastorin in Vorpommern?

Abwechslungsreich. Und das kommt mir sehr entgegen. Es ist wirklich die ganze Bandbreite: Taufen, Konfirmieren, Trauen, Beerdigen. KiTa, Christenlehre, Konfi, Bibelkreis, Seniorenkreis. Viel Öffentlichkeitsarbeit – Gemeindebrief und Schaukästen sowieso, aber hier hat auch das Kommunalblatt eine kirchliche Vorgeschichte (aus der Wendezeit), sodass ich da als Pastorin einen festen „Sendeplatz“ habe, der weiter reicht als die meisten anderen Veranstaltungen. Viele Hausbesuche – mehr, als man schaffen kann. Gottesdienste, die leider nur relativ wenigen Menschen wichtig sind. Darüber bin ich manchmal enttäuscht, weil es mir doch ziemlich wichtig ist. Insgesamt eine eher kleinteilige Gemeindearbeit mit viel direktem Kontakt zu den Menschen. Das gefällt mir (meistens), weil ich die Leute mag und interessant finde.


Und was ist dabei jetzt der Aufbruch?

Der ist natürlich auch kleinteilig. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich hier viel ausprobieren kann. Von Leuten, die mit mir studiert haben, die anderswo gelandet sind, höre ich mitunter, dass sie auf ihren Stellen so mit „Bestandswahrung“ beschäftigt sind, dass kaum Platz dafür ist, etwas Neues auszuprobieren. Das ist hier definitiv nicht so. Ich würde sagen, das hier ist gerade als erste Pfarrstelle eine tolle Gelegenheit: Hier ist der Idealismus der Berufsanfängerin wirklich gut investiert… und es geht auch was!

Bei einer Konfirmation


Ja? Was geht?

Das hängt davon ab… Ich kenne Kollegen, die haben ein Händchen fürs Bauen und Sanieren und haben da viel bewegt. Andere begeistern sich für Kirchengeschichtliches und fördern da immer wieder Interessantes zutage. In der unmittelbaren Nachbarschaft ist eine tolle Konfiprojektstelle entstanden, die viele Konfis und Jugendliche anzieht und da ein wirklich starkes Programm fährt. Ich hab’s vor allem mit der Musik. In meiner Uni-Zeit habe ich mit ein paar anderen Leuten zusammen einen Gospelchor gegründet, das „Gospelkombinat Nordost“. Den Chor gibt es nach wie vor – den mache ich ehrenamtlich, und das ist neben allem anderen auch eine gute Gelegenheit, einen wöchentlichen „Stadt-Abend“ mit vielen netten Leuten zu verbringen. Inzwischen sind einige Menschen aus meiner Gemeinde mit in den Chor gekommen, und umgekehrt sind etliche Chorleute in der Gemeinde präsent – in Musikgottesdiensten, als Betreuer bei Kindermusical-Freizeiten und so weiter. Die Musicals sind ein anderes großes Steckenpferd. Jedes Jahr schreibe ich mit einer Gemeindepädagogin und einer freien Autorin zusammen ein Musical, und dann wird es mit einer Horde Kinder einstudiert und aufgeführt. Das ist ein ziemlicher Motor für meine Gemeindearbeit, viele Kleine und auch Große sind da eingebunden. Gerade haben wir ein Musicalprojekt für Kinder und Erwachsene laufen, das eine erstaunliche Reichweite entwickelt. Im Vergleich zu Wien oder Leipzig ist die Kulturszene hier nicht direkt übersättigt, da kann man schon was anfangen!


Aber es ist doch bestimmt nicht alles toll, oder?

Nein, das natürlich auch nicht. Manchmal muss ich schon aufpassen, dass ich bei all den Anforderungen die gute Laune behalte. Die Bandbreite ist krass, und es kommt vor, dass ich mir noch einen Moment zum Umschalten einfordern muss, bevor ich in das einsteigen kann, was grad für mein Gegenüber dran ist. Vereinzelt musste ich auch schon den Kopf schütteln über das, was man von einer „alleinunterhaltenden“ (d.h. es gibt außer mir keine weiteren Hauptamtlichen in der Gemeinde) Pastorin auf einer 75%-Stelle so alles erwarten kann. Zum Glück waren das Einzelfälle, aber ich merke schon, dass ich mitunter aufpassen muss, dass solche Einzelfälle für mich nicht zu groß werden. Und dann gibt es natürlich neben all dem Aufbruch auch den Abbruch, der im Großen schon passiert ist und im Kleineren weiterhin passiert. Ich habe im Lauf meiner Ausbildung Pastoren kennengelernt, die ich als verbittert empfunden habe, und inzwischen kann ich nachvollziehen, dass man an manchen Stellen bitter werden kann. Pastoren sind halt auch Menschen. Verletzliche Menschen. Und, das denke ich zumindest, Menschen, die es sich auch nicht abgewöhnen sollten, verletzlich zu sein.

Bei einer Konfirmation


War das jetzt schon dein guter Rat an alle, die auch Pastorinnen und Pastoren werden wollen?

Nein, da würde ich eher etwas weitergeben, was sich als einer der wichtigsten Hinweise aus dem Predigerseminar entpuppt hat: Unter all den Sachen, mit denen man es im Pfarramt zu tun bekommt, sollte unbedingt auch eine Sache sein, für die man richtig brennt. Die einen selbst begeistert. Ob das Musik ist oder Theater oder ein Bastelkreis oder was auch immer, Hauptsache, der Begeisterungsfaktor stimmt. Wenn für diese Sache Platz ist, dann geht auch alles andere leichter.

Ich frag mich zwar, wie alles leichter sein soll, wenn man ständig ein e-Piano mit sich rumschleift, um Musical oder Gospel zu machen, aber ich danke trotzdem für dieses Gespräch!