Pastorin in Mecklenburg

Angelika Meyer-Matz

Aus der Großstadt in eine Kleinstadt

Gute zwei Jahre ist es her, dass ich als eine der Wenigen von West nach Ost gegangen bin, nach 20 Jahren in Hamburg nach Gnoien. Das liegt mitten in Mecklenburg, hat 3000 Einwohner und mit einigen umliegenden Dörfern rund 900 Gemeindeglieder.

Warum?

Meine Gründe hierher zu gehen, waren rein privater Natur: Mein Mann lebt und arbeitet in Greifswald, und hier war sozusagen „am nächsten dran“. Bis jetzt werde ich immer wieder gefragt, ob das nicht ein riesiger Kulturschock gewesen ist, ob ich mich denn schon eingelebt habe und ob die Mecklenburger nicht doch sture Fischköppe sind. Meine Antworten: Nein, ja, nein. Es ist kein Kulturschock, wenn man diese herrliche Landschaft liebt und wenn man allgemein Menschen mag (Grundvoraussetzung für den Pfarrberuf!!!). Man kann sich leicht einleben, weil die Wege zu den Menschen kurz sind, die Rolle der Pastorin sehr klar, die Gemeindeglieder einander eng verbunden, wie überhaupt die Dorf- und Kleinstadtbewohner. Jeder kennt jeden, und alle wissen wem es gerade gut oder schlecht geht. Hier muss niemand ins Krankenhaus, ohne dass ich es bald erfahre. Und für sture Fischköppe halten sich die Mecklenburger hauptsächlich selbst, in Wirklichkeit sind sie freundliche, hilfsbereite und aufgeschlossene Leute. Immer eine Frage davon, wie man in den Wald hineinruft…

Was anders ist

Trotzdem ist natürlich einiges anders als im Westen, als in der Großstadt. Es stimmt nicht, dass hier alle Gemeinden arm sind. Zumindest die Landgemeinden haben oft große Ländereien. Aber oft auch die Verantwortung für alte Gebäude, Pfarrhöfe und Kirchen. In fast allen Gemeinden gibt es mehrere Predigtstätten, aber die Gottesdienstpläne sind inzwischen so gestaltet, dass alle zu ihrem Recht kommen, auch wir Pastorinnen. Im Moment befinden wir uns in einem Bewertungsprozess, und nicht alle Pfarrhäuser werden in Zukunft noch Fördermittel zur Bauerhaltung bekommen. Das ist aber meiner „alten“ Bergedorfer Gemeinde gerade genau so gegangen.

Die Kirchengemeinde lebt!

Erntedankschmuck Die Kirchen sind oft wahre Schmuckstücke, auch wenn manchmal nicht Viele in den Gottesdienst kommen. In Gnoien ist die durchschnittliche Zahl allerdings genauso hoch wie in der dreimal größeren Hamburger Gemeinde, und die traditionellen Feste wie Erntedank, St. Johannis, St. Martin, Reformationstag haben noch einen echten Stellenwert. 40 Jahre DDR haben an vielen Orten einerseits einen geistig-geistlichen Kahlschlag hinterlassen, andererseits sind diejenigen, die noch in der Kirche sind, ehrliche und überzeugte Christen. Die Überalterung ist hier schon stark zu spüren, die Jüngeren müssen sich meistens anderswo Arbeit suchen. Darum ist lebendige Kinder- und Jugendarbeit unbedingt notwendig. Vieles davon läuft regional, Camps, Freizeiten, hier auch der Konfirmationsunterricht, um den Jugendlichen zu zeigen: Bei euch im Dorf seid ihr vielleicht nur zu zweit, aber wir sind trotzdem viele! Die Mitarbeitenden sind oft hochmotiviert und wissen genau, warum sie in der Kirche arbeiten. Und auch die Ehrenamtlichen, die hier viel übernehmen, was „im Westen“ hauptamtlich organisiert ist, sind bereit, für ihre Gemeinde ein großes Maß an Zeit, Kraft und Liebe zu investieren.

Persönliche Lebensbegleitung

Eine der Hauptaufgaben der Pastorinnen und Pastoren hier: Besuche, Besuche, Besuche! Alle „runden“ Geburtstagskinder und sonstigen Jubilare warten wirklich darauf. Man trifft dann immer auch den Bürgermeister. Mehr als in der Stadt geht es hier um ganz persönliche Lebensbegleitung. 900 Leute, die kann man kennen, nicht gleich im ersten Jahr, aber im Laufe der Zeit. Bürgermeister und Vereinsvorsitzende sind wichtige Kontakte, denn die Kirche steht hier wirklich noch mitten im Dorf.

Kirche im „Dorf“

Neben der Feuerwehr ist sie einer der wesentlichen Treffpunkte und Identifikationsorte. Zurzeit sind wir ein unverzichtbares Element in der Flüchtlingsintegration. Wir bringen die Räume, die Kontakte und die ethischen Gründe mit, um Flüchtlingshilfe anzuschieben und zu bündeln. Eine neue, große Aufgabe, die uns an unsere Wurzeln führt und manchmal große Standfestigkeit und klare Argumente erfordert. Bisher gab es hier nur wenige „Fremde“, das Zusammenleben muss erst geübt werden.

Das Attraktive am Pfarramt in Mecklenburg

Insgesamt sind also die Fahrwege weiter, aber die zwischenmenschlichen Wege kürzer als in der großen Stadt. Wer Lust auf kreativen Gemeindeaufbau hat und gleichzeitig alte Traditionen schätzt, wer lieber am Kaffeetisch als am Computer sitzt, wer sich als Kulturträger sieht und netzwerken kann, wen kleine Zahlen nicht schrecken und wen die Menschen hinter den Zahlen interessieren, der wird hier ein lebenswertes Zuhause haben. Besonders Familien finden hier noch das, was wir in der Stadt längst vermissen: Leben in und mit der Natur, draußen spielen, Badesee, Obstbäume im Garten, die Freunde gleich um die Ecke. Es ist kein Idyll, Landleben und Landflucht ist eine harte Realität, und dennoch ist es schön hier. Wie werden geschätzt und gebraucht, Gott stellt unsere Füße auf weite Räume, und die Menschen hier sind es allemal wert, dass wir ihnen mit Zuneigung, Lebensnähe, klaren Botschaften und zugewandter Seelsorge weiter Heimat bieten.