Jannike Grosstück

Jannike Grosstück

Pastorin in Kaltenkirchen

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Bewerbungsverfahren für das Vikariat

9. Okt 2012 |

Qualifiziertes Bewerbungsverfahren vs. Ich-habe-heute-leider-kein-Foto-für-dich

Das mulmige Gefühl davor

Das Bewerbungsverfahren gehört – genau wie das Examen – zu den Dingen, die man sich erst vorstellen kann, wenn man sie selbst erlebt. Freunde und Bekannte, die es schon geschafft haben, sagen: „War gar nicht so schlimm!“ Eltern sagen: „Na, wenn sie DICH nicht nehmen, wen denn dann??“ Mitarbeiter im Kirchenamt sagen: „Wir wollen Sie nur ein bisschen kennen lernen, seien Sie einfach Sie selbst!“ Tja, kann ja sein, dass das alles stimmt, es hilft aber nicht. Ich jedenfalls dachte mit Grauen daran. Vielleicht wären alle anderen besser als ich… Und würde ich, wenn ich „ich selbst“ wäre, so einen guten Eindruck hinterlassen?
Ich fuhr also mit einem etwas mulmigen Gefühl nach Breklum an die Nordsee. Das Christian-Jensen-Kolleg hat herrliche Außenanlagen, große, freundliche Zimmer und ausgesprochen nette und hilfsbereite Mitarbeiter – alles in allem wirklich ein Ort zum Wohlfühlen! Wenn nur das Bewerbungsverfahren nicht wäre…

Das große Losen

Am Morgen des ersten Tages wurde nach dem Frühstück, einer Andacht und einer warmherzigen Begrüßung erst einmal gelost. Die zehn Juroren der Auswahlkommission und wir Bewerber/innen bekamen Nummern, so dass wirklich niemand vorher wissen konnte, wer mit wem zusammentreffen würde. Zusätzlich zu dieser Kommission gab es noch zwei Berater, die uns nicht bewerten würden, son-dern für die Begleitung des Verfahrens zuständig waren. Dann stand die erste Übung an, die sogenannte „Selbstvorstellung mit anschließendem Einzelgespräch“. Jeweils ein/e Bewerber/in traf auf zwei bis drei Juroren. Für viele von uns war dies die unheimlichste Übung: Man sollte für 45min ganz allein vor die Kommission treten, etwas über sich selbst erzählen und dann auch noch Fragen beantworten.

Die erste Übung: „Selbstvorstellung mit anschließendem Einzelgespräch“

Natürlich war ich aufgeregt, aber ein Teil von mir wollte plötzlich auch unbedingt loswerden, was ich von mir zu erzählen hatte. Schon bei meiner Selbstvorstellung blickte ich in drei freundliche und erwartungsvolle Gesichter. Aus den anschließenden Fragen sprach aufrichtiges Interesse an mir und meiner Biographie. Keine der Fragen war indiskret oder völlig unerwartet: „Wie finden Sie es, dass wir jetzt Nordkirche sind?“ oder „Was erwarten Sie von Kollegen, mit denen Sie im Team arbeiten müssen?“ – solche Fragen gehören doch zu einem Bewerbungsgespräch dazu. Natürlich konnte ich, meinem Gefühl nach, noch nicht so fundiert antworten, wie ich es hoffentlich später kann, aber das wurde auch nicht erwartet. Insgesamt war diese Übung diejenige, bei der ich mich am wohlsten gefühlt habe. Ich wurde als Persönlichkeit gesehen und wertgeschätzt, ich hatte Zeit, meine Gedanken zu entfalten und musste mich nicht dem direkten Vergleich mit meinen Mitbewerbern aussetzen.

Die zweite Übung: „Geleitete Fallarbeit“

Nach einer ausgiebigen Mittagspause wurde in Gruppen von etwa sieben Personen die zweite Übung in Angriff genommen: die „geleitete Fallarbeit“. Ähnlich wie beim Regionalgruppentreffen im Vikariat sollten wir uns über einen „Fall“ austauschen. Eine ausgebildete Supervisorin, die nicht zur Kommission gehörte, moderierte unser etwa einstündiges Gespräch über ein vorgegebenes Seelsorge-Protokoll. Wir versuchten, möglichst viele kluge Einfälle zu äußern. Die Kommissionsmitglieder saßen in einem Außenkreis um unseren Stuhlkreis herum, hörten aufmerksam zu und schrieben eifrig mit. Ich persönlich konnte mich von der Beobachtungssituation nur schwer lösen und fühlte mich ziemlich fürchterlich. Danach stellte sich heraus, dass es vielen genauso ergangen war wie mir. Als wir dann auch noch feststellten, dass fast alle ein schlechtes Einzelfeedback von dem ihnen zugelosten Juror bekommen hatten, beschlossen wir gemeinschaftlich: „Das ist Taktik! Sie wollen nur herausfinden, wie wir mit Konkurrenz und Kritik umgehen und morgen soll es noch spannend bleiben.“ Wir hatten nämlich alle gesagt bekommen, wir hätten viiieeel zu wenig gesagt und müssten dringend bei der nächsten Aufgabe mehr Raum einnehmen und dafür auch kämpfen.
Abends lud uns das Predigerseminar zu Würstchen und Bier beim EM-Halbfinale Deutschland – Italien ein; natürlich ohne die Kommissionsmitglieder, damit wir noch einmal richtig entspannen konnten. So wurde es ein wirklich netter Abend.

Die dritte Übung: „Thematische Diskussion“

Am nächsten Morgen mussten wir dann noch die dritte und letzte Übung absolvieren: die „thematische Diskussion“. Dieses Mal nur zu fünft sollten wir in zwei Durchgängen zwei vorgegebene Themen diskutieren. Ohne Vorbereitungszeit wurde uns in den Stuhlkreis – im Außenkreis wieder die Kommissionsmitglieder – das erste Thema hineingereicht: „Person und Amt – wer trägt wen?“ Dieser erste Durchgang war sehr chaotisch, weil natürlich jeder den Eindruck vom Vortag wieder gutmachen wollte. Im Anschluss gab es aber wieder ein Gruppenfeedback, das wir dazu nutzten, für den zweiten Durchgang eine Strategie zu entwickeln. Nachdem das erste Thema ein dogmatisches war, ging es nun in die Ethik: Organspende. Wir waren strukturierter, das Thema erschien irgendwie leichter – kurz: ein würdiger Abschluss des Bewerbungsverfahrens.

„Wir freuen uns auf Sie!“

Nun fehlte nur noch: Koffer packen, Mittagessen, Abschlussandacht und Verab-schiedung. Mit einer Mischung aus Erleichterung, Erschöpfung und Angespanntheit fuhr ich zurück nach Hamburg. Den zweiten Durchgang des Bewerbungsverfahrens eine Woche später mussten wir noch abwarten, aber dann kam an einem Samstag-Nachmittag der erlösende Anruf: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Pasche, ab 1. September sind Sie Vikarin der Nordkirche! Wir freuen uns auf Sie!“

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