Jannike Grosstück

Jannike Grosstück

Pastorin in Kaltenkirchen

weitere Beiträge...
zum Steckbrief...
Kontakt...

Heute hier, morgen dort

20. Mai 2014 | Wo gehören wir hin?

„Das ist das Blöde am Vikariat, man ist nirgendwo zu Hause, oder?“ Das sagte eines Tages mein Pastorenkollege zu mir und sah mich mitfühlend an. Ich musste schmunzeln – natürlich habe ich ein Zuhause! Aber dann dachte ich, irgendwie hat der Kollege doch auch Recht. Als Vikarin bin ich immer unterwegs von einem Ort meiner Ausbildung zum anderen. Das gehört zum Konzept der Ausbildung und wird „Drei-Orte-Modell“ genannt: Gemeinde, Predigerse-minar, Regionalgruppe. Vom Zusammenspiel dieser drei Orte möchte ich heute erzählen.

Der Ratzeburger Dom und das Predigerseminar

Predigerseminar – Lernen in Gemeinschaft

Die Kurswochen im Predigerseminar sind zuallererst für unsere theoretische Ausbildung gedacht. Unter Oberthemen wie „Gemeinde Bilden“, „Gottesdienst“ und „Seelsorge“ beschäftigen wir uns unter anderem mit Fragen wie: Wie gestalte ich eine Predigt? Was mache ich, wenn die Angehörigen eines Verstorbenen unbedingt „Abschied ist ein scharfes Schwert“ von CD hören möchten? Wie leite ich eine Kirchengemeinderatssitzung? Wie lerne ich, die Probleme von Menschen in Seelsorgegesprächen nicht zu meinen eigenen zu machen? Texte lesen, diskutieren, Modelle und praktische Übungen wechseln sich ab. Aber auch die Freizeit kommt nicht zu kurz: Wir sitzen gemütlich zusammen und tauschen uns aus, gucken Filme über Beamer, spielen Tischtennis, Kicker oder Billard, fahren Tretboot oder gehen Eis essen. Für Abwechslung sorgen schon die verschiedenen Orte der Seminarwochen. In Ludwigslust gibt es Kicker und Tischtennisplatte, abends kann gemeinsam gekocht werden. In Ratzeburg sind die Billardfans im Vorteil, der See lädt zum Baden oder Tretbootfahren ein. In Hamburg lockt die Elbe, in Breklum die Nordsee. Alle Orte haben eins gemeinsam – wir als Gruppe kommen zusammen, sehen uns nach längeren Gemeindephasen endlich wieder, lernen und leben eine Woche lang miteinander und fahren dann wieder nach Hause, jeder und jede in die eigene Gemeinde. Der Haken an der Sache: In den Gemeinden geht das Leben ohne uns weiter. „Ach, da bist du ja schon wieder im Predigerseminar!“, ist ein Satz, der in Mitarbeiterbesprechungen und Planungstreffen regelmäßig fällt und uns selbst oft aus dem Herzen spricht. Wir verpassen Kirchengemeinderatssitzungen, Kindergottesdienste, Krisengespräche. Manchmal ist durch die Kombination von Seminarwochen, Schulferien und eigenem Urlaub kaum kontinuierliche Planung möglich. Und doch ist es auch heilsam und lehrreich, regelmäßig aus dem Gemeindealltag herausgerissen zu werden. Einen Schritt zurücktreten, das eigene Tun und die Erlebnisse in der Gemeinde in Ruhe betrachten, das kann sehr sinnvoll sein. Genau darum geht es auch bei den wöchentlichen Treffen in der Regionalgruppe.

Regionalgruppe – Supervision für Anfänger

Frühstück, Andacht, Erzählrunde, dann die Frage: „Wer hat heute etwas mitgebracht?“ Schon sind wir mittendrin in einem typischen Regionalgruppen-Treffen. Sechs bis acht Vikarinnen und Vikare sitzen mit ihrem Regionalmentor zusammen, der gerade diese Frage gestellt hat. Mitgebracht haben wir vielleicht eine unfertige Predigt oder eine Idee für den Seniorenkreis, ein anderes Mal ein Problem mit dem immer störenden Konfirmanden oder einen Konflikt mit der Erzieherin aus der Gemeinde-Kita. Alles hat seinen Platz. Die Besprechung der Situationen oder Arbeitsproben kann von Feedback über kollegiale Beratung bis zu seelsorgeartigen Gesprächen alles sein. In jedem Fall ist das Ziel, dass alle etwas mitnehmen und eine Idee für die Weiterarbeit haben. Die Vorteile dieses Ortes liegen auf der Hand: Wir reflektieren unsere Arbeit, wir hören von den Erfahrungen der anderen und können daraus lernen oder Trost schöpfen, dass es ihnen genauso geht wie uns, wir haben neutrale Personen als Gesprächspartner, die unvoreingenommen und von außen auf unsere eigene Ge-meinde blicken, wir können Sorgen und Nöte, Glücksmomente und Erfolge teilen. Aber auch hier gilt wieder: Einen Vormittag pro Woche fehlen wir in der Gemeinde.

Gemeinde – der eigentliche Ort?

In der Gemeinde arbeiten wir endlich praktisch. Wir tun das, was Pastorinnen und Pastoren tun, und spüren Vor- und Nachteile der pastoralen Rolle am eigenen Leib. Wir bauen Beziehungen auf, setzen eigene Schwerpunkte, lernen Gottesdienste und Konfirmandenunterricht zu gestalten, leiten Sitzungen und führen Gespräche. In den meisten Fällen leben wir auch in der Gemeinde, treffen Kita-Kinder beim Spazierengehen und deren Eltern beim Einkaufen. Für viele ist die Gemeinde der zentrale Ort unserer Ausbildung. Das liegt ja auch nahe, weil wir hier am nächsten am Berufsalltag von Pastorinnen und Pastoren dran sind. Allerdings wird die Gemeinde auch als „Praxisfeld“ der Ausbildung bezeichnet, wo wir anwenden sollen, was wir im Predigerseminar lernen. Beides stimmt. Was es bedeutet, direkt nacheinander eine Beerdigung und eine Taufe zu haben oder den ganzen Vormittag mit dem Unter-schreiben von Abrechnungen, Krankmeldungen und Konfirmationsurkunden zu verbringen, lerne ich nur aus der Erfahrung in der Gemeinde. Im Predigerseminar bekomme ich neue Ideen für die Psalmgestaltung oder kann zehnmal an einem Teddybär die Taufe üben.
Die Beziehung zur Gemeinde kann sich im Verlauf des Vikariats sehr verändern. Am Anfang war ich die neugierige Beobachterin, die überall dabei sein und alles wissen wollte. Mit einem unbedarften Blick von außen habe ich tausendundeine Frage gestellt, warum und wieso was jetzt eigentlich wie gemacht wird und warum nicht ganz anders. Dann kam eine Phase, in der die Gemeinde so richtig „meine“ Gemeinde geworden war. Meine Kita-Leiterin, meine Kirchenmusikerin, mein Bestatter, meine Konfirmanden. Die Beziehungen wurden enger, aber auch Konflikte und Merkwürdigkeiten traten zutage. Ich sammelte immer mehr Erfahrungen, wurde selbstbewusster, wollte Dinge verändern. Inzwischen naht das Ende des Vikariats und die häufigste Frage ist: „Wie lange bleibst du jetzt nochmal genau?“ Ich stelle fest: Es ist eben doch nicht „meine“ Gemeinde oder jedenfalls nur auf Zeit. Der Blick wechselt jetzt wieder von der absoluten Innenperspektive zu einer Sicht mehr von außen. Manche Dinge kann ich in der kurzen Zeit nicht verändern, manches ist aber auch ganz in Ordnung so. Der Gemeindealltag geht ja auch ohne mich weiter, wenn ich wieder weg bin – das ist zwar traurig, aber doch wahr und irgendwie auch befreiend: Es hängt nicht alles von mir allein ab.

Martin-Luther-Kirche (Trittau) in meiner Vikariats-Gemeinde.(c) kirche-trittau.de

Drei Orte – drei Perspektiven

Welcher der drei Orte ist jetzt das Zuhause? Wie es der Kollege schon sagte: So richtig ganz ist es gar keiner. Aber irgendwie macht das auch den Reiz dieser Zeit im Vikariat aus. Wir sind eben immer unterwegs, gucken immer wieder von außen auf uns selbst und das, was wir lernen und erleben. Wir sind unterwegs zwischen den verschiedenen Orten unserer Ausbildung, unterwegs aber auch zu unserem eigenen Profil als Pastorinnen und Pastorinnen, unterwegs zu uns selbst als Menschen mit einem Willen und einer Persönlichkeit, und nicht zuletzt: Wir sind unterwegs zu Gott.

« zurück