Jannike Grosstück

Jannike Grosstück

Pastorin in Kaltenkirchen

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Mein 2. Examen

14. Dez 2014 | Eine Examens-Chronologie...

Montag, 14.30 Uhr

Ein letztes Zögern an der Tür: Habe ich alles eingepackt? Hosenanzug, Lernkarten, Halsbonbons? Ja, alles dabei, es kann losgehen. Also flugs die Tür abgeschlossen und hinein ins Auto. Mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität fahre ich die ersten Kilometer Richtung Schwerin – die A24, unsere Vikariatsautobahn. Zwei Mitfahrer er-warten mich in Mölln, ich freue mich auf die gemeinsame Fahrt.

Die Vikariatsautobahn A24

14.50 Uhr

Die Ausfahrt Schwarzenbek rückt näher, ein LKW vor mir biegt ab, ich habe freie Fahrt und gebe Gas. Doch nein, ich gebe kein Gas, mein Fuß drückt das Gaspedal, aber er tritt ins Leere. Panik steigt in mir auf – kann doch nicht sein? Wieso gibt das Auto kein Gas? Mein treuer Polo hat mich das ganze Vikariat hindurch begleitet, er kann doch jetzt nicht aufgeben? Kurzentschlossen setze ich den Blinker nach rechts, bremse auf der Abbiegespur und rolle aus auf einem Seitenstreifen, eigentlich für „Betriebsfahrzeuge“ vorgesehen – was auch immer das heißt. Mein erster Anruf gilt dem ADAC, mein zweiter meiner Kollegin. Unser Kaffeetrinken muss ausfallen, ich sitze fest.

15.30 Uhr

Die gelben Engel lassen auf sich warten, nach 40 Minuten im kalten Auto kommt der Retter in der Not in Gestalt eines Abschleppwagens. Es ist die Kraftstoffpumpe. Wo möchten Sie denn hin? Ich denke: Schwerin! Und sage: Tja, Mölln wäre gut. Gesagt, getan, mein Auto und ich werden nach Mölln geschleppt, ein Kollege weiß eine Werkstatt und sammelt mich ein.

17.00 Uhr

Mit zwei Stunden Verspätung sind wir nun zu Dritt auf dem Weg nach Schwerin, mit einem anderen Auto und einem anderen Fahrer als geplant. Kurz vor Hagenow dann der zweite Schreck: Stau. Inzwischen ist es dunkel, aber zum Glück: Wir haben ja keine Eile, nur auf den Weihnachtsmarkt wollten wir gern. Das Radio meldet Vollsperrung auf der A24, brennender LKW, dann gefrorenes Löschwasser. Wir nehmen es mit Humor – was bleibt uns anderes übrig?

19.00 Uhr

Endlich angekommen in Schwerin beziehen wir unsere Zimmer und machen uns gleich wieder auf den Weg zum Abendessen. Der Weihnachtsmarkt ist leider zu, doch im Steakhouse werden wir fündig. Zu Viert essen wir Pizza und lenken uns gegenseitig vom Examen ab, zu diesem Zeitpunkt noch E. genannt. Nach einer kleinen Lernstoffwiederholung fallen wir in unsere Betten und schlafen – oder tun jedenfalls so bis zum nächsten Morgen.


Dienstag, 8.00 Uhr

Frühstück im Haus am Pfaffenteich. Welchen Tee darf ich Ihnen bringen? Grün, schwarz oder Früchte, er wird am Tisch eingeschenkt. Dazu Brötchen, Ei und Müsli – was will man mehr an so einem Tag? Ringe unter den Augen und Aufregung tun der Stimmung keinen Abbruch, wir sind froh, dass wir uns haben. Gemeinsam marschieren wir durch das eisige Schwerin in Richtung Kirchenamt.

Der Pfaffenteich

9.50 Uhr

Unser Aufenthaltsraum liegt unter dem Dach und ist nur über eine Wendeltreppe zu erreichen – Harry-Potter-Feeling gratis! Dann werden die Prüfer begrüßt, je mit Hand-schlag, und wir werden zur Andacht gebeten. Ein sichtlich nervöser Landesbischof Ulrich leitet die Andacht und wird von einem stimmgewaltigen Männerchor aus Prüfer-stimmen unterstützt. Die Aufregung steigt.

12.50 Uhr

Die erste Runde Prüfungen ist geschafft, die ersten Wutausbrüche und Panikanfälle sind gemeinsam überstanden – Mittagspause. Die einen gehen zur Suppenküche, die anderen suchen einen Bäcker. Die Gespräche sind geprägt von gerade erlebten oder für die nächsten Stunden gefürchteten Prüfungen, nervösem Gekicher und verständnislosen Blicken – wolltest du nicht auch bezahlen? Oh, ich hab ja für beide bezahlt! Warte, ich geb dir meinen Teil – die Bedienung dankt.

18.00 Uhr

Erleichterung macht sich breit, der erste Tag ist überstanden, schon die Hälfte rum! Es wird mit Ehepartnern, Eltern und Werkstätten telefoniert, kurz eine Runde Lernwiederholung eingeschoben, dann wandern wir am Riesenrad und den Weihnachtsmarktständen vorbei in Richtung Gasthaus Wöhler. Ein gemütliches Separee wird uns zugewiesen, es gibt Entenbraten und Sauerfleisch, Pasta und Bratkartoffeln. Nee, wat schön!, sagt einer und alle nicken.


Mittwoch, 10.00 Uhr

Bischof von Maltzahn mit seiner wunderbar samtigen Bärenstimme liest die Lesung des Tages. Der Text handelt von Weisheit und Erkenntnis, von füreinander beten und auf Gott vertrauen. "Ein Schelm, wer da an's Examen denkt!", sagt der Bischof und zwinkert uns zu.

13.00 Uhr

Treffen am Dom für das traditionelle Gruppenfoto vor der Tür im Innenhof. Herr Hotze und Herr Philipps sollen mit drauf, Herr Riebl ist auch gern mit dabei. Einmal in Farbe, einmal in Schwarzweiß, einmal fröhlich, einmal ernst. SIE können aber ernst gucken, Frau Grosstück! Ja, sollten wir doch? Ich mache, was man mir sagt – manchmal. Herr Hotze lacht: Ja, hoffentlich nur manchmal!

16.10

Die letzte Prüfung ist vorbei, jetzt sitzen wir alle da und warten. Wie lange noch, frage ich zum zehnten Mal. Die Uhr tickt, aber sie bewegt ihre Zeiger nicht. Plötzlich schlägt die Erschöpfung doch wieder in Aufregung um und sie wird immer größer. Mir ist schlecht, sagt eine. Das ist mir schon lange, sagt ein anderer. Und dann hat sich die Uhr doch bewegt und wir stellen uns unten vor der Flügeltür zum Festsaal auf.

16.30

Im Gänsemarsch ziehen wir in den großen Festsaal des Schweriner Kirchenamtes ein, wo schon die Prüfer auf uns warten. Es ist ein Saal, in dem Prinzessinnen ein und aus gingen und große Banketts gefeiert wurden – und wir stehen in einem großen Kreis mit Bischof von Maltzahn in der Mitte. Zu Beginn seiner kleinen Rede spricht er die erlösenden Worte: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben alle bestanden! Strahlende Gesichter und unterdrückte Juchzer bei uns, mildes Lächeln und stolzes Grinsen gegenüber bei unseren Prüfern. Der Bischof ist stolz auf uns und spricht voller Herzenswärme, einfach aus dem Moment heraus. Dann wird gratuliert: Der Bischof führt die Kette der Prüfer an und jeder drückt jedem einmal die Hand. Danach fallen wir uns endlich in die Arme, drücken uns mit aller Kraft und finden kaum Worte – wir haben es geschafft, alle zusammen! Wir sind PastorInnen der Nordkirche!

Der Dom von Schwerin(c) H. Hoyer

17.00

Wir stehen mit kalten Füßen auf dem Weihnachtsmarkt, der Dom mächtig und ehrwürdig über uns, und stoßen mit Glühwein auf uns an. Wen interessieren die Noten? Uns nicht. Wir haben es geschafft! Herzlichen Glückwunsch!

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