Jannike Grosstück

Jannike Grosstück

Pastorin in Kaltenkirchen

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Zwischenresümee: Pastorin seit eineinhalb Jahren

27. Aug 2016 | ChdV: Liebe Jannike, du bist jetzt schon eineinhalb Jahre Pastorin. Könntest du drei besondere Momente aus deiner bisherigen Amtszeit nennen?

Also ein ganz besonderer Moment war meine Ordination, die zufällig auf meinen ersten Arbeitstag fiel.
Von der Vikarin zur Pastorin zu werden und diesen neuen Lebensabschnitt mit so einem feierlichen Segen zu beginnen, das war für mich ganz wunderbar und hat mich durch die erste Zeit in der neuen Gemeinde begleitet. Ich hatte eine lange Zeit das Gefühl, so eine Art Ganzkörperschutzanzug zu tragen, als ob mir jetzt nichts Schlimmes mehr passieren könnte.
Und ein Fitzelchen von diesem Gefühl ist immer noch da!

Natürlich passieren trotzdem schlimme Dinge. Ein anderer besonderer Moment war eine Beerdigung, die sich wohl niemand wünscht. Ein Jugendlicher hatte sich das Leben genommen, die Familie war natürlich untröstlich. Im ersten Moment dachte ich, ich kann nicht und ich will nicht – aber dann habe ich mir gesagt: Schätzelein, das ist jetzt dein Job als Pastorin, das gehört jetzt dazu und du kannst das auch!
Es war eine gute Erfahrung, wie sehr ich mich auf Kirchenmusiker und Bestatter verlassen konnte und als am Sonntag nach der Trauerfeier die Eltern im Gottesdienst waren und sich für alles bedankt haben, war ich sehr erleichtert und auch ein kleines bisschen stolz.

Ich könnte natürlich noch ganz viele besondere Momente nennen, aber ich soll mich ja beschränken, also jetzt Nummer 3: Unheimlich schön ist es, wenn sich Privates und Berufliches vermischen. Wenn zum Beispiel ein Schulfreund fragt, ob ich ihn und seine Freundin trauen kann. Oder wenn ein vorher unbekanntes Brautpaar auf Anhieb so sympathisch ist, dass wir uns anfreunden. Oder wenn eine Freundin sagt, du, ich brauche mal deinen Rat, so als Pastorin… Da merke ich dann immer, dass ich mich für den richtigen Beruf entschieden habe, weil ich damit einfach mitten im Leben stecke und das für Geld tun darf, was ich sowieso gern tue.

ChdV: Du bist ja ganz schön dick geworden … (wir lachen beide ;) ) – herzlichen Glückwunsch! Und eine neugierige Frage: Wie haben deine KollegInnen und deine Gemeinde auf deine Schwangerschaft reagiert?

Meine Lieblingsreaktion kam von einem Kindergartenkind. Wir hatten gerade den Gottesdienst in der Kita beendet und ich hatte das Beamerkabel noch in der Hand, da fragte ein Mädchen: „Duhu, Frau Grosstück, wieso hast du eigentlich so einen dicken Bauch?“ Ich musste ein bisschen grinsen und habe gesagt: „Weil da ein Baby drin ist!“ Und die Kleine nickte wissend und sagte: „Ja, das dachte ich mir.“ Großartig!

Die Kollegen haben sich sofort gefreut und zu meiner Erleichterung nicht gleich von den ganzen Schwierigkeiten geredet, die ja mit einer beruflichen Pause einhergehen können. Mein Propst war natürlich auch nicht überrascht, der hatte ja schon im Kennenlerngespräch von dem so super familiengeeigneten Pastorat geschwärmt und war dementsprechend ganz begeistert von meiner Mitteilung.

Die Gemeinde ist so ein bisschen hin- und hergerissen: Einerseits freuen sie sich wie Bolle, dass die junge Pastorin jetzt auch noch Mami wird und wollen dann alle das Baby sehen und geben gute Ratschläge – und gleichzeitig sind sie natürlich traurig, dass ich jetzt ein Jahr lang nicht arbeite und nun gerade ihr Kind nicht taufen oder konfirmieren kann.
Einige befürchten sogar, ich komme danach nicht zurück in den Beruf, da kann ich dann immer nur beteuern, wie gern ich hier arbeite und dass ich auf jeden Fall nach einem Jahr weitermachen will.

ChdV: Wie ist das für dich: Du freust dich auf euer Kind und arbeitest weiter als Pastorin mit allem, was dazugehört …?

Ganz ehrlich: Die Prioritäten haben sich schon verschoben. Ganz am Anfang sah man ja noch gar nix, aber ich war oft müde – da habe ich dann nicht noch bis ins Letzte an Predigten weitergearbeitet, sondern aufgehört, wenn ich eine Pause brauchte. Das tut ja eigentlich auch unschwanger ganz gut, aber so war es noch leichter.
Der Umgang mit bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen hat sich auch verändert. Zum Beispiel hatte ich eine Zeit lang wahnsinnig viele Taufen und war privat gerade dabei, Kleidung für unser Baby zu kaufen, da hab ich dann im Taufgespräch gern mal nachgefragt, welche Größe denn die Kleinen gerade so tragen.
Und insgesamt war die Atmosphäre in diesen Gesprächen anders, vielleicht noch ein bisschen mehr auf Augenhöhe als vorher, weil ich jetzt auch Mami bin – zwar bisher nur mit Baby im Bauch, aber trotzdem.

Und natürlich die oben schon erwähnte Beerdigung, da war ich ungefähr in der Mitte der Schwangerschaft und hatte eigentlich gehofft, bis zum Mutterschutz ein bisschen kürzer treten zu können und dann kam so ein Hammer. Aber irgendwie war es auch toll so mitzuerleben, wie nah Leben und Tod zusammengehören: In meinem Bauch das Baby, das sich übrigens während der Trauerfeier vorbildlich ruhig verhalten hat, und draußen diese unbeschreibliche Trauer. Ich glaube, ein bisschen konnte ich diese Trauer auch besser aushalten, weil ich gleichzeitig diese Freude in mir hatte.

ChdV: Du willst ein Jahr in Elternzeit gehen. Wie organisierst du das?

Natürlich gibt es gefühlte dreitausend Formulare und Formalitäten, die mit dem Landeskirchenamt, dem Kirchenkreis, der Familienkasse undsoweiter zu klären sind, aber das ist in anderen Berufen ja auch so. Für mich war sehr hilfreich, dass ich eine Liste für meine Vertretung geschrieben habe, was ich eigentlich so tue.
Diese Liste bin ich dann auch mit meinen Kollegen durchgegangen und wir haben gemeinsam besprochen, was vielleicht auch nicht so gut von der Vertretung zu machen ist. Dann habe ich versucht, diese Punkte auf andere Mitarbeiter zu verteilen. Zum Beispiel übernimmt jetzt unser Vikar den von mir gegründeten TeamerTreff, die Geburtstagsbesuche werden von einem frisch ins Leben gerufenen Ehrenamtlichenkreis betreut und den Vorsitz im Kinder- und Jugendausschuss übernimmt kommissarisch mein Kollege.

Was auf jeden Fall spannend wird, ist die Frage, wie „raus“ ich eigentlich wirklich sein kann, wenn ich doch neben der Kirche wohne und ja auch mein Diensttelefon behalte. Ich habe am ersten Mutterschutztag eine neue Ansage auf meinen Anrufbeantworter gesprochen und eine Abwesenheitsnotiz in meinem dienstlichen Mailaccount eingerichtet, aber bestimmt werden trotzdem ab und zu Menschen klingeln und ich werde ja auch den AB zwischendurch abhören – wie ich das dann finde, kann ich jetzt noch gar nicht sagen.
Bisher bin ich ganz zuversichtlich und freue mich auch darauf, trotzdem in Kontakt zur Gemeinde zu bleiben.

ChdV: Musst du für die Elternzeit eigentlich aus dem Pastorat ausziehen?

Die Frage habe ich dem Personaldezernat auch sofort gestellt und die Antwort ist nein, selbstverständlich nicht.

ChdV: Hast du schon Ideen, wie du nach der Elternzeit Familie und Beruf unter einen Hut bekommst?

Unsere Gemeinde ist Trägerin von zwei wunderbaren Kitas und die eine, für die ich religionspädagogisch zuständig bin, liegt fünf Gehminuten vom Pastorat entfernt. Unser Kind ist mündlich schon angekündigt und wird dann nach der Geburt offiziell auf die Liste gesetzt, damit es dann in einem Jahr dort in die Krippengruppe aufgenommen werden kann.
Meine Kollegen haben schon von sich aus angeboten, bestimmte Termine so umzulegen, dass ich sie gut wahrnehmen kann (z.B. Konfirmandenunterricht nicht zur Krippenabholzeit) oder auch Aufgaben ganz neu zu verteilen.
Insgesamt bin ich guter Dinge und vertraue darauf, dass wir das gemeinsam – als Familie und als Gemeinde – gut hinbekommen werden.

ChdV: Vielen Dank für all diese Einblicke! Wir wünschen dir alles Gute für die Schlussphase der Schwangerschaft und dann ein fröhliches und gesundes Kind. Gottes Segen!

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