Dorothee Svarer

"Krankenhaus ist eine Welt für sich. Man taucht in sie ein und ist konfrontiert mit den Gebrochenheiten des Lebens, die ja sonst in unserer Gesellschaft eher „draußen“ bleiben…"

Kontakt mit Dorothee Svarer aufnehmen...

Seelsorgerin im Krankenhaus

Dorothee Svarer

Wie sind Sie darauf gekommen, Theologie zu studieren?

Im Rückblick war ein sehr starker Motor der Wunsch, es anders zu machen als mein Vater und mein Bruder.
Ich stamme aus einer Pastorenfamilie und unser Familienleben war wie oft in Pastorenfamilien
meiner Generation durch den Beruf meines Vater sehr geprägt. So entschloss ich mich,
zunächst Theologie auf Lehramt zu studieren. Eigentlich wollte ich vorher Krankenschwester werden.
Doch schon bald sattelte ich um auf Volltheologie, aber mit dem Vorbehalt nicht unbedingt Pastorin werden bzw. sein zu wollen.

Dieser Vorbehalt änderte sich nicht, auch nicht, als ich dann Pastorin war. Nicht, dass ich mich nicht berufen fühlte und meine Rolle nicht gefunden hätte, oder die Verantwortung nicht übernehmen wollte, das war es nicht, im Gegenteil! Ich war ich gern und engagiert Gemeindepastorin. Aber es war diese „erste Liebe“ - Theologie ja, aber anders -, die mich immer wieder hinterfragte und anspornte.

Nach 12½ Jahren Gemeindepastorin reichte ich eine mehrjährige Auszeit ein um zu überprüfen:

Was ist mein Weg? Will ich Pastorin bleiben?
Was ist denn dieses „Anders“?
Und will ich das dann wirklich?


Dafür braucht man sicher viel Mut! Und, wie erging es Ihnen in dieser Zeit?

Vier Jahre Auszeit.
Nicht unter dem Deckmantel der Kirche leben, wie ich es ja faktisch mein ganzes bisheriges Leben gemacht hatte.

Diese vier Jahre waren heilsame vier Jahre. Ich stellte fest, dass ich schon immer auch einen guten Draht zu denen hatte, die nicht „dazugehören“. An mir selbst spürte ich, wie weit der "Inner Circle Kirche" von ihnen entfernt ist, und wie schwer es für Kirche ist, so aufgeschlossen zu wirken, dass man überhaupt Lust hat, sich einladen zu lassen…

Aber das war nur eine Farbe dieser Zeit. Ich begann eine 4-jährige Weiterbildung zur Systemischen Beraterin und Therapeutin im ISS Hamburg. Ich wollte meine seelsorgerlichen Kompetenzen erweitern und verbessern. Gleichzeitig und für die Ausbildung Gewinn bringend, unterstützte ich ehrenamtlich die Krankenhausseelsorge im Malteserkrankenhaus St. Franziskus Hospital in Flensburg. Nach zwei Jahren Ausbildung wurde ich dann auf eine der vakant gewordenen halben Pfarrstellen im Franziskus Hospital berufen.


Das ist bestimmt ganz anders als die Arbeit in der Kirchengemeinde, oder?

Ja, es lässt sich nicht richtig miteinander vergleichen. Weil das Krankenhaus so ein ganz anderes Gebilde ist als eine Gemeinde. Ich war immer gern Gemeindepastorin, aber das Arbeiten an der Grenze der Kirche und an den Grenzen des Lebens, mit denen man im Krankenhaus ständig konfrontiert ist, und die gleichzeitig eine große Weite und Offenheit allem Menschlichem gegenüber fordert, hat mich den Ort meiner Berufung für die jetzige Phase meines Pastorinnenlebens finden lassen. Arbeiten auf und an der Grenze und darüber hinaus.


Arbeit im Krankenhaus-Team


Welche Aufgaben hat man als Krankenhausseelsorgerin?

Krankenhaus ist eine Welt für sich. Man taucht in sie ein und ist konfrontiert mit den Gebrochenheiten des Lebens, die ja sonst in unserer Gesellschaft eher „draußen“ bleiben… Ich bin eingebunden in den Behandlungsprozess, begleite Patienten und Zugehörige bei ihren Krisen, angefangen bei Diagnosestellung bis zum Tod. Führe unterstützende Gespräche zur Krankheitsbewältigung oder helfe bei der Trauerbewältigung, z. B. in palliativen Situationen. Ich supervidiere Mitarbeitende, wenn die an ihre Grenzen kommen, d.h. ich schaue mit ihnen zusammen reflektierend auf die Dinge, mit denen sie nicht zu Rande kommen. Moderiere bei Konflikten zwischen Arzt und Patient/Angehörigen/ Mitarbeitenden z. B. durch ethische Fallbesprechungen, ich leite Ehrenamtliche an. Ich habe Zeit in einer Atmosphäre, in der oft wenig Zeit ist. Atme, halte bei Schmerzen, beruhige…Und nicht zuletzt halte ich Andachten verschiedenster Art (Schülereinführung, Jubiläen, Festzeiten, Aussegnungen, für Patienten), werde zu Sand im Getriebe, wenn es um die Wahrung von Patientenrecht geht, halte mit aus, wenn Schuld/Versagen im Raum steht...


Im Gespräch


Immer mit Krankheit, Schmerz und Tod konfrontiert, wo bleiben Sie da?

Ich habe die Gemeinschaft eines ökumenischen Teams: Da wir keine Konkurrenz untereinander empfinden, ist jeder durch den anderen bei Bedarf ersetzbar. Außerdem hilft die spontane Intravision, also ich selber halte inne und reflektiere kritisch zusammen mit einem Kollegen oder Kollegin meiner Abteilung das gerade eben Erlebte.

Ich empfinde es als großes Privileg, wenn mich die Menschen in ihre Privatsphäre hineinlassen, sie mich teilhaben lassen und ich sie auf einem Teil ihrer Lebensgeschichte begleiten darf.
Ich beginne jeden Tag, indem ich eine Kerze entzünde, mit der ich mich und alle Mitarbeiter und die Patienten Gott ans Herz lege. Meistens beschließe ich auch so einen Krankenhaustag, sodass alles was ich erlebt und gehört habe, was ich mittragen durfte, im Krankenhaus bleibt.
Zwischendurch eine Andacht vorbereiten oder einen Vortrag – das ist für mich Psychohygiene…
Nehme ich „Fälle“ mit nach Hause, dann brauche ich einige Zeit „frei“.

Es wird viel gelacht in den Stationsteams, und wenn die Kommunikation klappt,
dann gehörst du in jeder Hinsicht dazu.


Krankenhausseelsorge - Arbeit im ökumenischen Team


Braucht man zusätzliche Qualifikationen, um im Krankenhaus arbeiten zu können?

Ja, unbedingt! Natürlich braucht man in erster Linie Lebenserfahrung, Kommunikationsvermögen, Intuition, Offenheit in alle Richtungen und eine ausgeprägte Toleranz gegenüber den Schwächen und Bedürfnissen des Einzelnen und Lust auf Unvorhersehbares, und eine Portion Neugier auf jeden Menschen.
Aber darüber hinaus ist eine psychotherapeutische Zusatzausbildung inzwischen notwendig, wie auch Weiterbildung in Gesprächsführung. Weitere Spezialisierungen entwickeln sich aus dem Klinikbetrieb heraus. Ich bin z.B. Psycho-Onkologin - Das ist eine Ausbildung zur Begleitung speziell von Krebserkrankten.



Mehr zum Thema Krankenhausseelsorge:


Arbeiten in einem Krankenhaus:

Krankenhausseelsorge in der Nordkirche