Vikarin in Hamburg-Hamm

Tia Pelz

Wie sollte eine Kirche sein?

Diese Frage treibt mich herum, seit ich 16 bin. Damals war ich im Schüleraustausch in Manitoba, Kanada. Hier lernte ich, die Rostockerin, das Kleinstadtleben kennen. Und lieben? Auf jeden Fall entdeckte ich, was eine Zivilgesellschaft so alles auf die Beine stellen kann: Musicals, Schultheater und Jazzband. Riesige Sportturniere und gutes Fundraising (Tipp: Immer der Schnellste sein mit einem guten Deal). Gemeinsame „Putztage“ und Essen für die Ärmsten. Und ich fand mich plötzlich in einem Landstrich wieder, in dem es normal war, Christ zu sein. Hier lautete die Frage nicht wie in Rostock „Was, du glaubst an Gott?“, sondern „Zu welcher Kirche gehörst du?“

In einer 16.000 Einwohnerstadt gab es über 40 verschiedene Konfessionen und kirchliche Gemeinschaften. Ich besuchte die unterschiedlichsten Gemeinden, von streng puritanisch, über anglikanisch bis mit Tüchern im Gottesdienst tanzend. Unter den Hutterites fand ich gute Freunde, die mich mit ihrem gelebten urchristlichen Ideal beeindruckten, aber auch zeigten, dass Kommunismus nur in Abschottung funktioniert. Das beste Brot backen sie trotzdem! Ich merkte, dass ich mich in ganz unterschiedlichen Gemeinschaften wohlfühlen kann, solange mich der Prediger nicht anschreit oder moralisch belehrt. Und, dass lebendige Gemeinden eine gute Art haben, neue Besucher willkommen zu heißen.

Nach dem Abitur beschloss ich, Theologie zu studieren mit dem Wunsch, Journalistin zu werden. Kirche ja, aber lieber von außen, beobachtend. Denn ich hatte zwar viele Vorstellungen davon, wie ich mir Kirche wünsche. Aber ich als Pastorin? Musste man da nicht richtig „fromm“ sein, täglich mehrfach beten und vor allem weniger laut, bunt und „weltlich“ sein?

Was ist evangelische Kirche alles?

Nach dem Abitur in Rostock brauchte ich eine weitere Auszeit vom mecklenburgischen Atheismus – und ging nach Franken ins evangelisch-lutherische Paradies Neuendettelsau. Ein idealer Ort, um sich seiner eigenen Konfession zu versichern, ist doch die „Gefahr“, Andersgläubige zu treffen, sehr gering. Dafür lernte ich auf dem Campus der Augustana die Vielfalt evangelischer Frömmigkeit kennen. Plötzlich merkte ich: „Hey, es gibt nicht DIE idealtypische Pastorin mit DER einen Glaubenspraxis.“ Hier probierte ich fröhlich aus: Lobpreis und Hauskreis, Stundengebete und deutsche Messe, 24/7-Gebetswoche und „Pro Christ“ (ich werde immer noch nicht gern angeschrien), Taizé und Abendgottesdienste. Ich merkte, dass ich ein „Kopf-Herz-Mensch“ bin: Gute Predigten und Aufsätze für den Kopf, Musik fürs Herze. Ich spürte, dass Menschen in den verschiedensten Formen ihren Glauben leben, ohne dass das eine „besser“ als das andere sein muss. Und ich erkannte leider auch, dass Glaubenspraxis oft einhergeht mit dem dogmatischen Anspruch „Das muss so sein und nicht anders.“

Tia beim Lutheroratorium


Wie wird evangelische Kirche von außen wahrgenommen?

Den Anspruch von Dogmen erlebte ich dann in Reinform während meines Auslandsjahres in Klausenburg, Rumänien. Als einzige Frau im orthodoxen Studiengang „Pastoraltheologie“ und evangelische „Schismatikerin“ war ich per se schon eine Herausforderung für meine Kommilitonen. Dass ich auch noch Pastorin werden wollte, das machte ihnen wirklich zu schaffen. Zwei Semester lang versuchten sie mich, von der Schönheit ihrer Liturgie zu überzeugen (das gelang ihnen) und mich zum Konvertieren zu bewegen (erfolglos). Hier musste ich klar Stellung beziehen zu Frauenordination und Traubensaft beim Abendmahl, homosexuellen Partnerschaften und Pastoren, kurzen Röcken und Alkoholgenuss. Stets als Vertreterin aller Deutschen und aller Lutherischen…

Was nahm ich mit? Meine Christusikone, die traumhaften orthodoxen Gesänge, ein konservatives Ordinationsverständnis (das sich langsam wieder aufweicht). Und das glückliche Gefühl, einer Konfession anzugehören, die ihre Stärke in der Vielfalt sieht – auch wenn ich mir manchmal ein paar mehr Dogmen gewünscht hätte für den Dialog. Selber denken kann auf Dauer anstrengend werden.

Um nicht dem Trugschluss zu erliegen „Orthodoxie = rumänisch-orthodox“ ging ich für 9 Monate nach Thessaloniki in Griechenland. „Orthodoxie meets Westen“ könnte das Motto hier lauten. Welten prallen aufeinander: eine liberale Fakultät in Saloniki, wenige Kilometer östlich der Berg Athos samt Frauenverbot. Zurück in München beendete ich mein Studium. Aber noch war ich nicht bereit für die Gemeinde, noch wollte ich intensiv forschen.

Welche Rolle hatte die evangelische Kirche 1989/90?

Dennoch führte mich die Doktorarbeit letztlich wieder zurück in die Nordkirche. Als Zeithistorikerin untersuchte ich Predigten von 1989/90 aus Mecklenburg und Vorpommern und sah mir an: Was wurde (politisch) gepredigt? Und wie wurden die politischen Ereignisse theologisch gedeutet? Ich ließ mich von Pastoren und Predigten durch ihre politische, theologische und sprachliche Klarheit beeindrucken. Gleichzeitig erkannte ich die Gefahren, die jeder Zeitpredigt innewohnen. Pastoren sind eben nicht unbedingt die besseren Politiker.

Tias Schulanfang

Wie muss ich als Pastorin sein?

Im September 2016 war es dann soweit: Ich begann mein Vikariat in Hamburg-Hamm. Und wieder stellte sich die Frage: Was wird von mir erwartet? Muss ich nun meinen Kleiderschrank seriös umgestalten? Alle kurzen Kleider und Röcke raus, lange Klamotten in Braun/Blau/Schwarz-Tönen rein? Brauche ich einen Blazer, um als Lehrerin anerkannt zu sein? Was ist mit meinen hochhackigen Schuhen? Nach vielen schlaflosen Nächten und einer ersten Woche im „Camouflage-Look“ (Jeans, Bluse und Blazer) beendete ich den Versuch und ging „normal“ in die Schule. Klar, die Kollegen gucken, wenn das Kleid kürzer ist und die Schülerinnen besprechen die Mode, aber das tun sie sowieso untereinander. Wer ich bin, das zeige ich ganz vielfältig, wie jeder andere Mensch auch: durch meine Art zu reden, mein Aussehen, meine Kleidung, meine Laune – kurz, meine ganze Persönlichkeit. Im Gottesdienst trage ich ja sowieso mein „Pastorkleid“. Und auch wenn ich bisher noch wenig Erfahrungen als Vikarin in der Gemeinde gemacht habe, eins weiß ich: Ich kann nur eine gute Pastorin sein, wenn ich dabei ich selbst bleibe.